Montag, 8. September 2014

Das Montags-Interview mit Stefanie Gerstenberger

Liebe Lesezeit-Leserinnen und -leser,

heute darf ich Euch eine weitere wunderbare Autorin vorstellen. Mit ihren Schwestern zusammen hat sie in der Kindheit eine Art Bravoheft geschrieben. Sie wollte irgendwas mit Bodenturnen machen und hat tatsächlich in Italien und in der Karibik gelebt. Begrüßt zusammen mit mir Stefanie Gerstenberger!


Stefanie vor ihrer farblich sortierten Bücherwand
(c) Stefan Gregorowius


Informationen zur Autorin

Name: Stefanie Gerstenberger,  
Alter: 49
Wohnort: seit über zwanzig Jahren in Köln lebend.
Familienstand: glücklich geschieden...
Kinder: zwei


Wann hast du angefangen zu schreiben? 
Schon als Kind entwarf ich mit meinen Schwestern zusammen eine Art Bravoheft, geschrieben auf der Schreibmaschine meiner Mutter. Dann folgten zwei wegweisende Heftchen-Romane über das junge Mädchen Petra.
Man sieht, viel geändert hat sich an meinen Themen seither nicht... :-)

Und wolltest du schon immer schreiben?
Ich wollte immer in Ruhe lesen, am liebsten auf dem Bett liegend, mit Süßigkeiten in der Nähe. Den Wunsch zu schreiben hatte ich erst viele Jahre später, nach dem Lesen vieler Romane und Drehbücher. Als ich langsam zu verstehen begann, wie eine gut erzählte Geschichte funktioniert.

Was wolltest du als Kind werden?
Irgendwas mit Bodenturnen. Oder Rollschuhfahren. Oder Malen.

Gibt es ein Leben vor dem Autorendasein?
Ja, bei mir gab es davon eine Menge. Mein Lebenslauf ist nicht geradlinig, und wirkt nicht wirklich durchgeplant. Ich habe mein Studium abgebrochen, bin Hotelfachfrau geworden und durch die Welt gereist. Ich habe in Italien und in der Karibik gelebt, immer auf der Suche nach etwas. Ich wusste nicht, was. Aus diesen Irrungen und Wirrungen zwischen Zwanzig und Dreißig schöpfe ich teilweise noch heute für meine Geschichten.

Was inspiriert dich zu deinen Geschichten?
Italien natürlich, und die Personen, die mir dort begegnen. Manchmal sind deren Lebensgeschichten so dramatisch und übertrieben, dass ich eine Menge davon wegstreichen muss, um halbwegs glaubwürdig rüberzukommen. Menschen, die nicht an ihrem Schicksal zerbrechen, sondern sich hoch kämpfen, die gegen Ungerechtigkeiten eintreten, die ihre Träume verfolgen, finde ich äußerst bewundernswert und spannend.

Wie entstehen sie? 
Wenn ich in Italien, vorzugsweise auf Sizilien bin, halte ich meine Ohren noch offener als in Deutschland. Manche Sätze erzeugen in mir eine Art Schauer, eine geistige Gänsehaut, und dann weiß ich: Davon will ich mehr wissen! Dann drehe und wende ich die Idee in meinem Kopf, und frage meine sizilianische Freunde um ihre Meinung. Meistens fallen denen noch andere wahnsinnige Details ein, und heraus kommt nach einem, anderthalb Jahren eine runde Geschichte. 



Wie kam Dir die Idee zu deinem letzten Buch?
s.o. Geistige Gänsehaut, durch folgenden Satz eines Freundes: "Ich hatte immer das Gefühl, das meine beiden Töchter nicht von mir sind. Erst als sie schon beide über achtzehn waren, habe ich mir Gewissheit durch einen heimlichen DNA-Test geholt. Ich bin der Vater! Seitdem ist mein Leben wieder in Ordnung."

Bei meinem aktuellen Buch, an dem ich zur Zeit schreibe, war es ein Satz, den ich auf Sizilien aufschnappte:
"Die Signora Moretti, deren Sohn beim Tauchen tödlich verunglückte, wollte nach seinem Tod nichts von ihm hergeben, selbst sein Ruderboot hat sie in seinem Grab mit einmauern lassen..." Das reichte.

Gibt es auch schon mal biografische Elemente? 
Auf jeden Fall. Ich habe auf Elba in einer Bar und einem Nachtclub gearbeitet, und diese Erlebnisse in Magdalenas Garten natürlich einfließen lassen.  Zwei Freundinnen von mir führen auf Sizilien jeweils eine Sprachschule. Sie verschmelzen im Oleanderregen zu Irma. Und natürlich habe ich einige meiner Ex-Freunde schon ausgeschlachtet. Zum Beispiel der, der die Ohrenstäbchen erst anleckte, bevor er sie sich in die Ohren bohrte. Was für eine schöne kleine Marotte, die jetzt auch Eric aus dem Oleanderregen zu eigen hat...

Stefanie und ihr Lieblings-Schreib-Sessel
(c) Stefan Gregorowius

Wo schreibst du und hast du feste Schreibzeiten?
Ich schreibe morgens ein paar Stunden, da gibt es kein Pardon! Wenn meine Kinder spät aus der Schule kommen, habe ich bis drei Uhr nachmittags Zeit, da schafft man eine Menge. Ich schreibe am Schreibtisch oder in meinem geliebten Schreibsessel, mit dem Laptop auf dem Schoß. Aber auch im Zug oder Flugzeug geht es gut, dann mit Kopfhörern und leiser Schreib-Musik auf den Ohren.

Was macht dir am meisten Spaß beim Schreiben?
Die Recherche in Italien, das Weintrinken, das gute Essen... :-). Aber im Ernst, das Erfinden der Figuren finde ich am Schönsten. Meistens suche ich mir im Internet unter Schauspielervideos.de die passenden Gesichter aus. Dann fühle ich mich so mächtig wie eine Regisseurin in einer Casting Agentur.
Wenn manche von den Schauspielern wüssten, dass sie schon monatelang über meinem Schreibtisch gehangen haben... Und, obwohl sich das seltsam anhören mag, das Umschreiben liebe ich auch. Wenn ich nach dem ersten runter geschriebenen Entwurf alles auf Papier ausdrucke und lese, fällt mir auf, was fehlt, und wie es eigentlich da stehen sollte. Diese Korrekturen, und die meiner Probeleserinnen, das bis zu zwanzigfache Überschreiben und das nochmalige Lesen macht mir sehr viel Spaß, weil das Ergebnis von Mal zu Mal besser wird.

Kennst du Schreibblockaden und wenn ja, wie gehst du damit um?
Kenne ich eigentlich kaum. Manchmal weiß ich nicht, wie ich eine Szene eigentlich haben möchte. Dann sehe ich vielleicht einen guten Film, lese bei meinen Lieblingsautoren rein, und lasse das Ganze in meinem Kopf ruhen. Meistens macht es innerhalb von 24 Stunden "Klick", und ich muss mich beeilen, es niederzuschreiben.



Wer sind deine ersten Probeleser?
Zwei meiner Freundinnen, für die ich meine Texte schreibe, die ich beim Schreiben vor Augen habe, die ich unterhalten will. Sie sollen lachen, weinen, oder möglichst "super!" an den Rand schreiben, das ist mein Ziel. Aber eigentlich habe ich sie ausgewählt, weil sie es beide schaffen, ihre Kritik in ehrlichen, aber angenehmen Worten zu formulieren. Das ist für mich sehr wichtig.

Wie wichtig sind Dir Rezensionen und Rankinglisten?
Ich lese die schon... Die Guten sind Balsam für meine Seele, die Schlechten finde ich gemein.

Welche Bücher liest du selbst?
Gute. Doris Dörrie, T.C. Boyle. Um nur zwei zu nennen. Und gerade "White straight male", von John Niven. Super Buch über Autoren, das  Drehbuchschreiben und überhaupt das ganze seltsame Filmbusiness. Selten so gelacht im Bett..., beim Lesen.

Welches wird dein nächstes Projekt sein oder ist es noch geheim?
Ich habe zusammen mit meiner Tochter ein Jugendbuch geschrieben, bei dem ein fünfzehnjähriges Mädchen (sie), ihre 15jährige Mutter (ich) in der Vergangenheit trifft. Das hat sehr viel Spaß gemacht, besonders die Recherche in den alten Bravos von 1979. Wir haben gemerkt, wie anders doch das Leben ohne Internet und Handys war, wie unterschiedlich die Redeweisen. Im Winter müssen wir es noch mal etwas umschreiben, das wird auch noch mal spannend, bevor es dann im Juni 2015 bei ARENA heraus kommt. 

Wird man dich auf der nächsten Buchmesse antreffen?
Ja, am Freitag, den 11. Okt., werde ich auf der Frankfurter Buchmesse herumlaufen, auch mal kurz am DIANA-Stand sein, und alle AutorinInnen treffen, die ich mittlerweile kenne. Ein schönes Gefühl!



Viele Autorinnen besitzen ein Haustier. Gibt es da dafür eine Erklärung?
Vielleicht die Einsamkeit am Schreibtisch? Etwas Warmes, Kuscheliges auf dem Schoß, wenn sonst keiner da ist? Ich liebe Katzen, habe aber keine mehr, weil ich Angst habe, dass sie vom Balkon fallen könnte. Also rede ich mit mir selber, wenn niemand da ist. Ist schon leicht bedenklich, gebe ich zu...

Wie sieht dein Alltag aus?
Schreiben,  Kinder, Salsa tanzen gehen, kochen, so oft wie möglich Freunde treffen. Ich liebe meinen Schreiballtag, aber auch die Recherche-Reisen, ohne die ich kein einziges Wort zu Papier bringen könnte.

Nenn uns dein Lieblingsreiseziel!
Na Sizilien! Immer wieder. Diese Insel ist voller seltsamer Geschichten, über die ich schreiben kann, bis ich neunzig bin.

Und welche Ecke dieses Erdballs möchtest du unbedingt einmal kennenlernen?
Zur Zeit ist es Argentinien und die Karibik. Wer weiß, wann ich das schaffe...

Dein Lieblingsgericht?
Ach, da gibt es viele!

Vorspeise: Caponata, ein sizilianisches Gemüsegericht.
Hauptgang: Schwertfisch.
Dessert: Crème brûlée, wenn sie selbstgemacht ist, und nicht aus der Tüte kommt

Welche Jahreszeit ist deine?
Später Spätsommer, früher Herbst, wenn man Stiefel und Strumpfhosen und kurze Kleider tragen kann...
Oder durch den Wald stromern kann. Das dann allerdings nicht im Kleid.

Hast du Wünsche für die Zukunft? Welche?
Ich wünsche mir, dass ich immer wieder neue Geschichten finde, aus denen ich tolle Bücher schreibe, die mich selber begeistern und meine LeserInnnen bewegen. Ein schöner Nebeneffekt wäre natürlich ordentlich Geld damit zu verdienen, damit ich irgendwann mal nach Rom ziehen kann. Ach, ich glaube, das mache ich auf jeden Fall. Auch ohne viel Geld.

Wenn es irgendwie machbar wäre, würdest du auch mal nach Hagen kommen und Gast sein bei einer meiner Wohnzimmerlesungen?
Sehr gerne! Mittlerweile, nachdem ich das Hörbuch vom Orangenmond eingesprochen habe, kann ich meine eigenen Lesungen genießen. Bei den ersten Malen spürte ich meine Beine vor Aufregung nicht mehr. Kein schönes Gefühl...



Liebe Stefanie, herzlichen Dank für dieses wunderbare Interview! 

Wenn Ihr mehr über Stefanie Gerstenberger erfahren wollt, dann schaut doch mal hier:

http://www.stefaniegerstenberger.de/

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